Besuch eines Zeitzeugen

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22.04.2016

Wie schon in den vergangenen Jahren, besuchte ein Überlebender aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten die Realschule Rottweil, um Schülern von seiner Leidenszeit unter dem Naziterror zu erzählen.

Gespannte Stille herrschte unter den Neuntklässlern, als Jacek Nadolny den Realschülern über seine Kindheit im Konzentrationslager Auschwitz berichtete. Jacek Nadolny lebte mit seiner Familie in Warschau. Als Siebenjähriger wurde er mit seiner ganzen Familie während des Warschauer Aufstands auf den Marktplatz getrieben und in einem Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Seinen Vater hat er nach dem Abtransport nie wiedergesehen.

Zwanzig Jahre später wird er erfahren, dass sowohl der Vater als auch der Großvater als Zwangsarbeiter in die "Wüste"- Lager in Vaihingen-Enz und Dautmergen deportiert worden waren und dort verstarben. Er selbst kam, von der Mutter getrennt, in ein Kinderlager mit 500 weiteren Kindern. Eindrücklich schilderte Jacek Nadolny sein Leben, seinen Alltag dort. In der Zeit im KZ Auschwitz wurde Jacek schwer krank und auf die Krankenstation gebracht. Er überlebte nur durch seine Mutter, die ihm unter Lebensgefahr unerlaubt ein Medikament beschaffen konnte und durch ein Loch in der Barackenwand zuschmuggelte. Kurz vor der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Alliierten wurde er mit seiner Mutter und der Großmutter nach Berlin in ein Nebenlager des KZ Sachsenhausen verlegt, wo die Mutter zu Trümmerarbeiten abkommandiert wurde. Als sich die Russen der Stadt näherten, flohen die KZ-Bewacher und ließen das Tor offen stehen. Anschaulich schilderte Jacek Nadolny, wie der Hunger zu seinem ständigen Begleiter wurde, wie der Alltag im KZ bestimmt wurde durch die ständige Suche nach Essbarem, wie sie auf dem Rückweg nach Warschau ihren Hunger mit dem Fleisch toter Tiere am Wegesrand stillten, wie sie zu Hause in Warschau noch 2 Jahre lang in Ruinen und Kellern hausten, immer auf der Suche nach Verzehrbarem. Für das Kind Jacek hatte niemand mehr Zeit. Er lebte weitgehend als Straßenkind.

Durch die fehlende Förderung hatte er später in der Schule große Lernprobleme und wurde längere Zeit von den Mitschülern nicht akzeptiert. Im Rückblick sei er stolz darauf, dass er trotz all dieser Widrigkeiten und der unvorstellbar schrecklichen Kindheitserinnerung, ein aufrechter, geradliniger und angesehener Mann geworden sei, der seinen Weg im Leben noch gut gemeistert habe, antwortete er auf eine der vielen Fragen der Neuntklässler.

Ein Dank galt neben Jacek Nadolny auch der Initiative "Gedenkstätte Eckerwald", die durch ihr jahrelanges Engagement auch heute noch eine derart intensive Begegnung mit diesen Zeitzeugen, den Überlebenden der Konzentrationslager, für die Schüler möglich macht.

Bericht: M. Uhl, Fotos: S. Böttcher