Zeitzeugen berichten ...

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17.04.2015

Drei Zeitzeugen aus dem Konzentrationslager erzählten den Schülern ihre Geschichte: Am Freitag, den 17.04.2015 hatte die Realschule Rottweil Besuch von drei Zeitzeugen aus der Zeit Hitlers. Sie waren drei von wenigen, die diese Konzentrationslager überlebt haben. Einige Schüler der Klassenstufe 9 durften die Geschichten von den Zeitzeugen Jadwiga Matysiak (* Januar 1942), Jerzy Stanka (* Januar 1930) und Ryszard Stanka (* März 1945) erfahren.

Der ehemalige Konrektor der Realschule Herr Bulach unterstützt die Schule immer noch seit Jahren, wenn die Gäste kommen. Herr Bulach hat den Schülern anfangs erklärt, warum die Zeitzeugen die Schule besuchen.

Nach seiner kurzen Ansprache hat Jerzy angefangen zu erzähle; da die drei fast nur polnisch sprachen, war eine Dolmetscherin dabei:

Jerzy hat erzählt, dass alles 1944 nach dem Warschauer Aufstand angefangen hat. Die Antwort auf diesen Aufstand lautete Bestrafung. In dieser Zeit wurden die meisten Leute ermordet oder aus Häusern und Heimat vertrieben. Das Haus von Jerzy und seiner Familie wurde an einem Tag vom Militär umstellt. Die Nazis haben gefragt ob sie Waffen im Haus hatten oder ob sie was mit dem Militär zu tun haben. Die Familie stritt beides ab, doch das Militär durchsuchte trotzdem das ganze Haus. Obwohl die Familie unschuldig war, musste sie auf einen LKW aufsteigen. Alle zusammen wurden nach Auschwitz gefahren, wo nach der Ankunft Frauen und Männer sofort getrennt wurden. Die Nazis haben immer von Anfang an mit Trennung gearbeitet. Die Frauen und Männer wussten nichts voneinander. In Auschwitz wurden die Namen abgeschafft. Jeder bekam eine Nummer, die jeder auf Deutsch sagen musste. Jerzy, sein Bruder und sein Vater wurden nach Natzweiler gebracht. Zu dieser Zeit wurde die Nummer schon nicht mehr eintätowiert, da es hier zu viele Häftlinge waren. Schließlich mussten die Männer in Bisingen am Lager aussteigen. Hier gab zunächst nicht einmal Baracken. Sie mussten Schiefer abbauen, da dies der Treibstoff für die Nazis werden sollte nachdem Rumänien den Nazis kein Öl mehr lieferte.

Der Slogan von den Nazis war dort "Vernichten durch Arbeit", wobei es ihnen egal war wie viele Menschen dabei sterben. Die Toten wurden schließlich wie Abfall in eine Grube geworfen. Die Häftlinge waren sehr leicht angezogen, hatten anfangs keine Schuhe und mussten hart arbeiten. Wer zu schwach war zum Arbeiten, musste sterben. Es gab nur wenig zu Essen und zu Trinken. Doch manche Bauern haben manchmal Essen in Gruben versteckt aber nur sehr wenig. Die Häftlinge lebten in Baracken aus Planen die keine Fenster hatten und im Sumpf standen. Falls mal ein Häftling verschwunden war mussten alle im Matsch stehen, ohne sich zu bewegen, bis der verschwundene Häftling gefunden war.

Als Jerzy 15 Jahre alt war, hat er an Weihnachten seinen Vater verloren. Diese Aussage war für Jerzy sehr schwer auszusprechen. Kurz nach dem Tod seines Vaters, mussten er und sein Bruder wieder auf einen LKW steigen und wurden mit diesem nach Schömberg gebracht. An einem Tag hat Jerzy mit seinem Bruder geredet, was strenstens verboten war. Dies hat ein SS- Mann mitbekommen und wollte die Brüder trennen. Jerzy fing an zu weinen und hat gesagt, dass sie ihm seinen Vater schon genommen hätten und dass sie ihn - bevor sie ihm seinen Bruder nehmen - ihn lieber erschießen sollen. Doch sie wurden am Leben gehalten, da sie gebraucht wurden. Die Brüder wurden zu den Schieferplatten getrieben, um zu arbeiten. Das Laufen fiel ihnen mit den Holzschuhen, die sie zwischenzeitlich erhalten hatten, sehr schwer. Man ist mit den Holzschuhen beim Arbeiten oft gestürzt und Jerzy hat bis heute Schmerzen und Narben davon. Sie mussten bei jeder Temperatur arbeiten mit derselben dünnen Kleidung. Für ihre Nahrung mussten sie viel arbeiten und für Kranke gab es keine medizinische Versorgung. Die Häftlinge wurden immer von Lager zu Lager getrieben und leisteten keinen Widerstand.

Im April 1945 kamen die ersten Zeichen von Befreiung. Die Nazis hatten Angst vor der Befreiung und haben Lager aufgelöst, Dokumente verbrannt und die Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt. Bei dem Todesmarsch mussten die Häftlinge durchgehend laufen ohne Pause, ohne Essen und ohne Trinken. Sie sind stundenlang gelaufen und die Toten wurden immer wieder in Gruben geworfen. Irgendwann konnte Jerzys Bruder nicht mehr laufen und hat sich verabschiedet. Er hat Jerzy sein letztes Essen gegeben. Doch sie wurden jetzt an die österreichischen Nazis übergeben und so bestand die Hoffnung das Jerzys Bruder weiterleben durfte. Sie sind immer weiter gelaufen. Die Österreicher wussten allerdings nicht so genau was sie jetzt mit den Häftlingen tun sollen und so sind die SS- Männer mit ihnen durch Dörfer gelaufen. In den Dörfern wurden sie mit Brot beworfen, was das erste leckere Essen seit ihrer Gefangenschaft war. Nach einer kurzen Pause mussten sie weiterlaufen, doch sie konnten nicht mehr. Der SS- Mann forderte sie auf aufzustehen und weiter zu laufen, doch sie haben es nicht geschafft. Somit ist der SS- Mann einfach weiter gelaufen obwohl er sie hätte erschießen müssen. Das war die erste freie Minute seit sie gefangen genommen wurden und sie waren sehr glücklich. Jerzy und drei andere sind in eine Stadt gelaufen, wobei sie welche getroffen haben die ihnen Essen und Kleidung gegeben hat. Doch sie mussten kurz darauf schnell die Stadt verlassen da diese "gesäubert" wurde. Jeder musste allein in die Berge in verschiedene Richtungen laufen. Bei Jerzy hat es nicht lange gedauert, dann hat er jemand in den Bergen getroffen und war nicht mehr allein. Dort hat sie dann die Nachricht erreicht, dass die Amerikaner nun da sind. Sie haben ihr Versteck verlassen und sind zu den Amerikanern, von denen sie Essen bekamen. Sie durften jedoch nicht viel essen, da sie sonst sehr krank geworden wären und daran vielleicht sogar gestorben. Jerzy hatte allerdings nur einen Gedanken: Er wollte seinen zurück gelassenen Bruder wieder finden. Er hatte mitbekommen, dass sich sein Bruder angeblich in Garmischpatenkirchen aufhalten soll und somit ist er dorthin gefahren, um seinen Bruder zu finden.

Am 15. August 1945 durften die beiden Brüder nach Polen zurückkehren. Dort hat Jerzys Mutter mit seinen zwei Schwestern gewartet und es war noch ein neues Baby dabei namens Ryszard, das im KZ Auschwitz zur Welt gekommen war. Jerzy war überglücklich.

Nun hat seine kleine Schwester Jadwiga angefangen zu erzählen. Sie war zu der Zeit als sie im Konzentrationslager war gerade einmal zweieinhalb Jahre alt. Die Trennung der Frauen und Männer erfolgte sofort. Die Frauen kamen nach Auschwitz und die Männer nach Bisingen. Das war das letzte Mal, dass sie ihren Vater gesehen hatte. Nach ihrer Ankunft in Auschwitz wurden den Frauen die Köpfe abrasiert und sie mussten alles abgeben. Anschließend wurden sie in eine kalte Dusche geschickt. Danach haben alle einen Häftlingsanzug bekommen. Da Jadwiga aber noch so klein war, haben sie für sie nichts gefunden, weshalb sie ihre alte Kleidung ihre Schuhe behalten durfte. Auf ihre Kleidung wurde eine Nummer und ein Stern genäht. Auf dem Stern stand ein P, welches für Pole und politisch Gefangener stand. Ab dem Zeitpunkt durfte man seinen Namen und den Namen von anderen nicht mehr sagen. Man musste, egal in welchem Alter, seine Nummer auf Deutsch auswendig sagen können. Zwischendrin meinte sie, dass die meisten denken, dass man sich, wenn man so klein war, nicht mehr daran erinnern kann, doch an die meisten Dinge könne sie sich sehr gut erinnern. Jadwiga meinte, dass sie heute noch die Bilder vor sich sieht. Die Baracke, in die sie kamen, war schmutzig und dunkel und die anderen Frauen waren sehr ängstlich. Seit der Zeit begleitete sie allzeit die Erinnerung an Hunger, Kälte und Dreck. Die Essenrationen waren sehr gering und sie waren stets hungrig. Zum Frühstück bekamen sie dunkel gefärbtes Wasser, das sie Kaffee nannten und grau gefärbten "Beton", den sie Brot nannten. Zu Mittag bekamen sie meist Wasser mit Pastinaken. Anfangs war sie mit ihrer Mutter in einer Baracke bis die Frauen auch arbeiten mussten. Von diesem Augenblick an wurden Frauen und Kinder getrennt. Jadwiga hat sich sehr hilflos ohne ihre Mutter gefühlt und deshalb musste ihre zwölf jährige Schwester auf sie aufpassen. Kurz nach der Trennung von ihrer Mutter wurde Jadwiga krank und wurde in eine andere Baracke, die Krankenstation, gebracht. Die Krankenstation war jedoch eher wie eine Isolation und die Krankenstätten hatten keine medizinische Versorgung. Sie bekam immer wieder Kinderkrankheiten und wurde immer schwächer. Sobald sie gesund war, durfte sie in die normale Baracke zurück, doch das war nie lange der Fall und somit hat sie immer zwischen Krankenstation und Baracke gewechselt. Nach einer Krankheit (wahrscheinlich Gelenkentzündung) konnte sie nicht mehr laufen und so hat ihre Mutter sie massiert und mit ihr laufen geübt. Dabei hat sie sich gefühlt wie eine Holzpuppe an Seilen. Jadwiga wurde wieder krank und ihre Mutter hat dann lange nichts mehr von ihr gehört und sprach eine Krankenschwester an. Die Krankenschwestern waren selbst Gefangene mit einer Ausbildung zur Krankenschwester und wurden deshalb dort eingesetzt. Die Krankenschwester sagte ihr, wann sie ihre Tochter am besten besuchen kann. Trotz fortgeschrittener Schwangerschaft, wollte ihre Mutter Jadwiga besuchen. Somit machte sie sich nachts auf den Weg, wobei sie sehr vorsichtig sein musste damit man sie nicht erwischt. Immer wenn das Licht kam, dass alles absuchte, hat sie sich zwischen die Leichen, die auf dem Boden lagen, gelegt und gewartet bis das Licht vorüber gewandert war. Diese Methode musste sie drei Kilometer durchziehen und dann war sie endlich bei Jadwiga und hat sie erst einmal gedrückt. Daraufhin hat ihre Mutter ihr ein Stück Brot mit verfaulten Zwiebeln gegeben und Jadwiga hat sich sehr darüber gefreut, da sie sehr hungrig war. Jadwiga erzählte ihrer Mutter, dass am Tag bevor ihre Mutter zu ihr kam, alle Betten schöne Decken, Kissen und weiße Bettbezüge haben. Die Mutter wunderte sich, da jetzt nur wenige zerfetzte Lumpen als Bettdecken da waren und alles sehr grau und schmutzig war. Jadwigas Mutter sprach die Krankenschwester darauf an und diese meinte, dass manchmal das Internationale Rote Kreuz (IRK) die Krankenstationen kontrolliert. Aus diesem Grund musste man alles schön herrichten um einen guten Eindruck zu hinterlassen, doch nach dem Besuch war alles wieder hässlich und schmutzig. Kurze Zeit darauf mussten sich die Frauen, die zwei Kinder hatten, zum Appell melden. Diese Mütter mit ihren Kindern mussten in einen Zug steigen. Sie fuhren stundenlang in dem dunklen Zug ohne Essen, Trinken und ohne eine Toilette. Als sie schließlich in Leipzig ankamen, wussten die Leute dort nicht was sie mit den Häftlingen jetzt tun sollen und so mussten sie nach Berlin weiter fahren. Im März wurde schließlich Ryszard geboren und von den Häftlingen empfangen. Jadwigas Mutter hatte Angst ob Ryszard überhaupt überleben würde aber Ryszard überlebte. Danach begannen die Befreiungskämpfe in Berlin und ihr Lagern wurde aufgelöst. Die Häftlinge wollten alle nur noch nach Hause und kamen auf einen Militärzug. Die Wagons waren offen und unterwegs sind viele gestorben. Es gab außerdem viele Verletzte und Kranke. Viele Frauen wurden psychisch krank, da ihre Kinder unterwegs gestorben sind, obwohl sie schon in Freiheit waren. Die Häftlinge haben untereinander sehr viel Solidarität gezeigt, was für das Überleben gesorgt hat. Die Nazis konnten die Leute verletzten, töten, foltern oder schlimmeres aber sie konnten die Menschlichkeit nicht besiegen.

Die Zeitzeugen haben das Trauma nur schwer verarbeitet und können sich nicht von den Gedanken befreien. Aber alle drei haben betont, dass es ihnen sehr hilft, den Schülern das alles zu erzählen.

Ihnen ist es sehr wichtig, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird und dass unsere Generation dafür sorgt, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf.

Selina Hils, Klasse 9a