Zeitzeugen-Besuch
ZurückWie auch schon in den vergangenen Jahren besuchte eine Überlebende aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten die Realschule Rottweil, um Schülern von ihrer Leidenszeit unter dem Naziterror zu erzählen.
Als Vorbereitung diente den Neuntklässlern der Geschichtsunterricht und die Fahrt in das Konzentrationslager Natzweiler/Struthof im Elsaß eine Woche zuvor.
Gespannte Stille herrschte im Klassenzimmer, als Jadwiga Matysiak den Realschülern über ihre Kindheit im Konzentrationslager Auschwitz berichtete:
Jadwiga selbst war erst zweieinhalb Jahre alt, als sie ins Konzentrationslager kam. Und doch haben sich viele der traumatischen Erlebnisse ins Gedächtnis der heute 76-Jährigen eingegraben. Immer wieder habe sie einzelne Bilder vor sich, betonte sie.
Die Trennung der Frauen und Männer erfolgte noch vor dem Abtransport ins Lager. Die Frauen kamen nach Auschwitz und die Männer in das KZ in Bisingen. Das war das letzte Mal, dass sie ihren Vater gesehen hatte. Nach ihrer Ankunft in Auschwitz wurden den Frauen die Haare abrasiert und eine kalte Dusche verabreicht. Danach haben alle einen Häftlingsanzug bekommen. Da Jadwiga aber noch so klein war und nichts Passendes zur Stelle war, durfte sie ihre alte Kleidung und ihre Schuhe behalten. Auf ihre Kleidung wurden eine Nummer und ein Stern genäht. Auf dem Stern stand ein P, welches für Pole und politischer Gefangener stand. Ab dem Zeitpunkt durfte man seinen Namen und den Namen von anderen nicht mehr nennen. Die Baracke, in der sie untergebracht waren, war schmutzig und dunkel und die Frauen waren sehr ängstlich. Die Essenrationen waren sehr gering und alle waren stets hungrig. Zum Frühstück gab es dunkel gefärbtes Wasser, das sie Kaffee nannten und grau gefärbten ?Beton?, den sie Brot nannten. Zu Mittag bekamen sie meist Wasser mit Pastinaken. Seit der Zeit im Lager begleitet Frau Matysiak die Erinnerung an Hunger, Kälte, Dreck und vor allem aber an das Hundegebell und das Gebrüll des Wachpersonals. Anfangs war sie zusammen mit ihrer Mutter in einer Baracke. Als dann die Frauen zum Arbeitsdienst eingesetzt wurden, wurden Frauen und Kinder getrennt. Jadwiga fühlte sich sehr hilflos ohne ihre Mutter und wurde bereits kurz nach der Trennung krank. Die Unterbringung in einer weiteren Baracke, der Krankenstation, brachte keine Besserung. Es gab hier keinerlei medizinische Versorgung und das Mädchen wurde stetig kränker und schwächer.
Die Sorge der Mutter um ihre kleine Tochter musste sehr groß gewesen sein: Trotz fortgeschrittener Schwangerschaft, machte sie sich nachts auf dem Boden kriechend auf den Weg durch das Lager zur Krankenstation, immer auf der Hut vor dem kreisenden Licht des Wachpersonals und voller Angst, entdeckt zu werden.
Es gelang nicht sofort, die Hilfe der Krankenschwester, die selbst Angst um ihr Leben hatte, zu bekommen. Jadwiga erinnert sich noch, wie sie eines Nachts die Mutter vor sich hatte, sie drücken konnte hat und wie sie sich über ein Stück Brot mit verfaulten Zwiebeln gefreut habe, da sie sehr hungrig war.
Anfang 1945 mussten sich alle Frauen mit zwei Kindern zum Appell melden. Sie wurden gemeinsam in einen Zug gepfercht und fuhren stundenlang ohne Licht, Essen, Trinken und ohne Toilettenmöglichkeit. Nach einer Odysee kamen sie schließlich in einem KZ nahe Berlin an. Im März 45 wurde Jadwigas Bruder Ryszard geboren. Jadwigas Mutter hatte Angst ob Ryszard aufgrund aller Mangelerscheinungen überleben würde, aber Ryszard überlebte.
Nach der Befreiung durch alliierte Soldaten wurde ihr Lager im Mai aufgelöst. Die Häftlinge wollten alle nur noch nach Hause und kamen auf einen Militärzug. Die Wagons waren offen und unterwegs sind entkräftet und krank noch viele Menschen gestorben. Die Erinnerungen an das viele Leid und die erfahrenen Ängste und Verluste, vor allem auch der eigenen Kinder, führten bei einigen Häftlingen zu psychischen Erkrankungen.
Jadwiga betonte, dass die Häftlinge untereinander sehr viel Solidarität gezeigt haben, ohne die viele nicht überlebt hätten. Die Nazis hätten die Leute verletzt, getötet, gefoltert oder schlimmeres getan, aber die Menschlichkeit hätten sie nicht besiegen können. Für sie sei diese Erfahrung sehr wichtig geworden und daher sei es ihr wichtig, dazu beizutragen, dass dieser schreckliche Abschnitt der Geschichte nicht vergessen werde und dass unsere Generation dafür sorge, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. Ihr selbst helfe es zudem, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse zu verarbeiten.
Ein Dank galt neben Jadwiga Matysiak auch der Initiative Gedenkstätte Eckerwald, vertreten durch den früheren Konrektor der Realschule, Herrn Bulach.
Durch ihr Engagement wird eine derart intensive Begegnung mit Überlebenden der Konzentrationslager für die Schüler erst möglich.
Autoren: Schüler_innen Klasse 9

